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Diözesan-Caritasverband Rottenburg-Stuttgart
Donnerstag, 24. Januar 2008
  Presse-Information
 
Caritas: Jugendliche "achten statt ächten"
 
Caritas in Baden-Württemberg macht sich für Jugendliche stark - "Achtung statt Missachtung von Leistungen Jugendlicher nötig" - Betroffene sorgen mit biografischen Texten für Betroffenheit

Stuttgart, 24. Januar 2008 (cpd)

Mit der Forderung nach mehr Achtung vor Jugendlichen setzte die Caritas in Baden-Württemberg am vergangenen Mittwoch ihren ersten sozialpolitischen Akzent im neuen Jahr – und griff gleichzeitig in die politisch aktuelle Debatte über den Umgang mit jugendlichen Straftätern ein. Bei der Jahresauftaktveranstaltung unter dem Motto der Caritas-Kampagne „Achten statt ächten“ in der Stuttgarter IHK-Zentrale wandte sich der Stuttgarter Diözesancaritasdirektor Wolfgang Tripp entschieden dagegen, das Jugendstrafrecht auf unter 14-Jährige anzuwenden. Angesichts einer relativ geringen Zahl von rund 700 jugendlichen Gewalttätern in ganz Deutschland sei es verfehlt, „mehr über Strafe als über Erziehung und Bildung zu debattieren“, sagte Tripp vor über 150 Gästen aus Politik, Medien, Kirche und Wissenschaft des Landes. Vielmehr müsse man Möglichkeiten schaffen, damit Jugendliche sich selbst und andere achten lernten. „Unsere Caritas-Kampagne kann nicht aktueller sein“, so Tripp angesichts der Debatte um Jugendgewalt und Jugendstrafrecht, um Erziehungscamps, Wegsperren und Warnschussarrest.

Jugendliche lesen aus ihrer Biografie – spannende Stille

Ein besonderes Ereignis bei der diesjährigen Veranstaltung waren sowohl der Auftritt der 35-köpfigen Kinder- und Jugendband „Housekids“ aus dem Kinderheim Nazareth in Sigmaringen, als auch die Lesung dreier Jugendlicher: Janina (17), Melanie (15) und Michael (14) aus dem Kinder- und Jugendzentrum Riegel bei Freiburg lasen erstmals in ihrem Leben vor Publikum selbst verfasste Texte mit Episoden aus ihrem Leben vor. Ihre teils schockierenden Erlebnisse – Gewalt in der Familie, Sucht und Drogen, Aufwachsen in einer feindlichen Welt – gingen den Zuhörern im Saal dermaßen unter die Haut, dass es während der gesamten Lesung so still wurde, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören.

Jugendliche nicht in „mentale Kollektivhaft nehmen“

Professor Andreas Lob-Hüdepohl von der Katholischen Hochschule für Sozialwesen (Berlin) machte sich für eine veränderte Haltung gegenüber jungen Menschen stark. Er appellierte im überfüllten Saal der IHK Region Stuttgart an die Zuhörer, junge Menschen mit ihren Stärken und Fähigkeiten zu achten. Viel zu oft begegne man ihnen mit Vorurteilen und qualifiziere sie zu schnell ab.
Die Wahrnehmung vieler Erwachsener sei oft „so eingetrübt, dass wir das Provozierende Jugendlicher nur als Bedrohung wahrnehmen“, sagte Lob-Hüdepohl. Die Bemühungen vieler junger Menschen, etwas an ihrer schlechten Lage zu ändern, werde dagegen kaum wahrgenommen. Viel zu oft würden Jugendliche „in mentale Kollektivhaft“ genommen. Dies führe allzu leicht zur Missachtung statt zu Anerkennung und Wertschätzung der Leistungen von jungen Menschen, so der Wissenschaftler.

Anerkennung von Leistungen Jugendlicher gefordert

Im Zentrum der subjektiv empfundenen Armut stehe bei vielen die Erfahrung von Missachtung. Diese „Missachtung ihres Wunsches nach emotionaler Nähe und Anerkennung in ihrer Familie, in der Nachbarschaft, in einem Bekannten- und Freundeskreises“ führe nicht selten zu einer tief sitzenden „sozialen Scham“ und mit ihr zu persönlichen Blockaden, zu Antriebsschwächen oder sogar zu einer generellen Perspektivlosigkeit. Beim Thema „Achten statt ächten“ gehe es um nichts Nebensächliches, sagte Lob-Hüdepohl. Jemanden zu achten heiße, ihn so zu respektieren, wie er sei. Und ihm Respekt und Anerkennung entgegenzubringen, sei „keinesfalls Ausdruck barmherziger Mildtätigkeit, sondern Ausdruck einer Gerechtigkeit, die wir ihnen schuldig sind“. Daher ziele die Kampagne „Achten statt Ächten“ der Caritas genau auf die oftmals verkannte Lebensleistung der jugendlichen „Helden im Alltag“.

Kritik am deutschen Schulwesen

Andreas Lob-Hüdepohl kritisierte, dass das deutsche Schulwesen „erheblichen Nachholbedarf“ habe, da die Schule zwar die individuellen Begabungen ihrer Schüler fördere, aber viel zu wenig die ebenfalls bestehenden individuellen Benachteiligungen abbaue. Und gerade das „Imperfekte“, das „nicht Fertige“ eines Menschen stehe eben nicht nur für das Unzulängliche und Unfertige, „sondern auch für das Unabgeschlossene, für das Entwicklungsfähige, für das Offene“. Darum müsste sich die Schule sehr viel mehr kümmern.

Nur mit Bildung raus aus der Armut

Der Freiburger Diözesancaritasdirektor Bernhard Appel dankte in seinem Schlusswort den Kindern und Jugendlichen „für die ganze Menge Leben, die ihr heute Abend zu uns nach Stuttgart gebracht habt“. Mit dem, was die Jugendlichen vorlasen, hätten sie „viele von uns hier gepackt“. Jugendliche brauchten Erwachsene, die sie ernst nähmen. Hier seien klare Standpunkte gefragt, nicht Besserwisserei und Überheblichkeit. Jugendliche aus Armutsfamilien könnten nur durch einen ungehinderten Zugang zu Bildungsangeboten Benachteiligungen aus eigener Kraft zu überwinden. Wer ihnen den Zugang zu diesen Bildungsangeboten verweigere, setze den sozialen Frieden aufs Spiel, so Caritasdirektor Appel: „Was heute eingespart wird, fällt morgen in Form höherer Ausgaben für Maßnahmen der Jugend- und Erziehungshilfe auf die Gesellschaft zurück.“

Thomas Wilk

Gucken Sie doch mal in unsere Bildergalerie von der Auftaktveranstaltung: http://www.dicv-rottenburg-stuttgart.caritas.de/44437.html

 


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