Stuttgart/Freiburg,
27. Juli - Wenn morgen an den Schulen in Baden-Württemberg die großen Ferien
beginnen, sieht für einige Tausend Schülerinnen und Schüler die berufliche
Zukunft düster aus: Sie verlassen die Schule
ohne Hauptschulabschluss. Im vergangenen Jahr waren das fast 6.500
Schüler. Laut Statistischem Landesamt ist zu erwarten, dass etwa ein Drittel
dieser Schüler ihren Hauptschulabschluss im Berufsvorbereitungsjahr (BVJ)
nachholen wird. Die anderen zwei Drittel ohne Schulabschluss werden aber niemals
in eine Ausbildung starten können. Nicht wenige von ihnen fallen durch alle
Netze. "Der weitere biografische Verlauf dieser jungen Menschen ist
tragisch. Wenn sie aufgrund ihrer geringen Qualifikation keine Arbeit finden,
werden sie ein Leben lang Hartz-IV beziehen", bedauern die beiden
Caritasdirektoren in Baden-Württemberg Johannes Böcker (Stuttgart) und Bernhard
Appel (Freiburg).
Die
Caritas in Baden-Württemberg beobachtet mit Sorge, dass besonders Jugendliche
mit Migrationshintergrund strukturell im Nachteil sind. Nur drei von zehn
ausländischen Abgängern haben im vergangenen Jahr einen mittleren Abschluss
erzielt. Nur fünf Prozent von ihnen erreichte laut Statistischem Landesamt die
Fachhochschul- oder Hochschulreife. Dagegen lag der Anteil der Abgänger ohne
Hauptschulabschluss mit 13 Prozent dreimal so hoch wie bei den deutschen mit
stark vier Prozent. "Auch in Baden-Württemberg entscheidet also die
soziale Herkunft über die Zukunft der jungen Menschen", kritisieren die
Caritasdirektoren.
Nach
Einschätzung der Caritas-Mitarbeiter in der Jugendberufshilfe brechen immer
mehr Jugendliche berufsvorbereitende Bildungsgänge wie das BVJ oder das
Berufseinstiegsjahr (BEJ) ab. Befragt man diese Jugendlichen nach ihren
Zukunftsplänen, hören die Mitarbeiter oft Antworten wie die des 16-jährigen
Nuredin: "Dann mach' ich halt Hartzen". "Das Dramatische ist,
dass die Anzahl dieser verlorenen Jugendlichen zunimmt", erklärt Bernhard
Appel, Caritasdirektor für die Erzdiözese Freiburg. Dies sei das eine. Auf der
anderen Seite stehe ein Arbeitsmarkt, der unter Fachkräftemangel leide und
dringend auf junge Menschen angewiesen sei. "Jeder dieser Jugendlichen
wird gebraucht. Aber das wird von den Entscheidungsträgern in Politik und
Wirtschaft noch zu wenig gesehen."
Bereits
bei der Grundschulempfehlung werden aus Sicht der Caritas in Baden-Württemberg
Zukunftschancen verbaut. "Seit Jahren sind Schüler mit
Migrationshintergrund an Förderschulen überrepräsentiert. Es stellt sich die
Frage, ob diese Schüler wirklich lernbehindert sind oder einfach nur schlechte
Sprachkenntnisse in Deutsch haben", so der Caritasdirektor der Diözese
Rottenburg-Stuttgart, Johannes Böcker.
Aus
Sicht des Freiburger Caritasdirektors Appel bieten auch neue schulische
Ausbildungsformen wie die Werkrealschule oder das vorberufliche Modelprojekt
"Vorqualifizierung - Arbeit - Beruf" (VAB) schwachen Schülern kaum
bessere Chancen. "Insbesondere die Bildungspolitik muss der Frage auf den
Grund gehen, welche Werte und Inhalte in der Schule vermittelt werden sollen
und wie dies umgesetzt werden kann." Wolle man erreichen, dass Jugendliche
mit dem Schulaustritt ausbildungsreif seien und die dazu notwendigen sozialen
Kompetenzen mitbrächten, seien dringend mehr Erzieher und Lehrer sowie mehr
Zeit für die spezifische Förderung gefragt, so die beiden Caritasdirektoren.
Auch die Lehrer müssten dahingehend qualifiziert sein, dass sie den
Anforderungen im Umgang mit Schülern aus bildungsfernen Schichten gerecht
werden. Im zweiten Schritt gehe es darum, die Schüler individuell zu fördern.
"Jeder Schüler lernt anders. Das müssen wir in unseren Schulen stärker
berücksichtigen." Daher fordert die Caritas das Land dazu auf, Konzepte
zur individuellen Förderung zu entwickeln.
Die
Caritas in Baden-Württemberg hält in der katholischen Jugendsozialarbeit für
junge Menschen rund 5.100 Plätze bereit. So erreicht sie mehr als 6.500
Jugendliche im Jahr, die in Qualifizierungsmaßnahmen sind oder sich im Übergang
von der Schule in den Beruf befinden.
Falls
Sie weitere Informationen zum Thema suchen, können Sie sich gerne in Verbindung
setzen mit:
- Dr.
Maria Hackl, Referentin im Kompetenzzentrum Sozialpolitik beim Caritasverband
der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Telefon 0711/2633-1456, Mail:
hackl@caritas-dicvrs.de
-
Herbert Rieder, Leiter Caritas-Dienst Schule und Qualifizierung - Bereich
Arbeit und Beschäftigung Roncalli, Telefon 0711/951916-11, Mail:
rieder@roncalli-fellbach.de
-
Bernadette Ruprecht/Dr. Markus Mayer, Referat Jugendsozialarbeit/Bildung und
Schule im Caritasverband für die Erzdiözese Freiburg, Telefon 0761/8974-113
bzw. -212, Mail: ruprecht@caritas-dicv-fr.de oder mayer@caritas-dicv-fr.de